Kostenlos helfen darf ich nicht – und was das mit 40 Hofkatzen zu tun hat | Tierarzt Mick

Ich bin Tierärztin – und ich bin im Tierschutz engagiert. Das klingt erstmal nach keinem Widerspruch. Ist es aber, jeden Tag.

Denn was viele nicht wissen: Ich darf gar nicht kostenlos arbeiten. Die Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) schreibt vor, dass ich für meine Leistungen Geld verlangen muss. Wenn ich es trotzdem tue – aus Überzeugung, aus Mitgefühl, weil ein Tier akut leidet – und dabei erwischt werde, drohen mir Strafen. Nicht dem Tierhalter. Mir.

Und auch der andere Weg, das Betteln um Spenden, um genau diese Regel zu umgehen, hat für mich immer einen bitteren Beigeschmack. Es fühlt sich nicht richtig an, Tierschutz von der Bereitschaft anderer abhängig zu machen, für etwas zu spenden, das eigentlich einfach getan werden müsste.

Die Grauzone, in der echter Tierschutz stattfindet

Tierschutzvereine, Tierheime, das Ordnungsamt, das Kreisveterinäramt – sie alle können bei alteingesessenen Bauern Druck machen. Strafen verhängen. Auflagen erteilen. Bevormunden. Alles Dinge, die eigentlich niemand will – am wenigsten ich, die den Tieren helfen möchte, nicht den Menschen das Leben schwer machen.

Aber genau das passiert, wenn Probleme eskalieren, statt dass man sie im Vorfeld gemeinsam löst.

Ein Beispiel, das ich immer wieder erlebe: Ein Bauer hat 20 bis 40 unkastrierte Katzen auf seinem Hof. Zu ihm wird sich aus eigenem Antrieb niemand wenden – zu groß ist die Sorge, dass daraus ein Fall fürs Amt wird. Also wächst das Problem weiter, bis es niemand mehr übersehen kann. Irgendwann schaltet sich dann das Kreisveterinäramt ein. Und dann ist es fast immer zu spät für die leise, einvernehmliche Lösung.

Dabei hätte man die Wogen vorher glätten können. Zwischendurch mal ein, zwei, drei Katzen kastrieren. Ins Gespräch kommen, statt in die Konfrontation.

Zwei Katzenwelpen auf einem Bauernhof – weiße und rote Kätzchen vor der Kastration
Zwei der Jungtiere, die im August mitgenommen werden – aus eigener Tasche finanziert.

„Es gibt doch Kastrationsprojekte" – ja, aber nur für wildlebende Katzen

Jetzt werden vielleicht einige sagen: Es gibt doch Kastrationsprojekte! Ja, die gibt es. Aber sie gelten ausschließlich für wildlebende, also verwilderte Katzen – nicht für die Katzen auf einem bewirtschafteten Hof, die einem Halter zugeordnet sind. Auch das: wieder eine Grauzone, in der man als Tierärztin zwischen den Regeln balanciert.

Was ich im August mache

Aktuell ist das für mich kein abstraktes Thema, sondern ganz konkret: Im August fahre ich 600 Kilometer – aus eigener Tasche finanziert – um vor Ort ein Kastrationsprojekt durchzuführen. Ziel ist es, so viele Katzenwelpen wie möglich von der Straße zu holen, bevor sich die Population weiter unkontrolliert vermehrt.

Hofkatzen – Mutter mit Jungtieren vor der Kastration durch Tierärztin Corinna Mick
Mutter und Jungtiere – sie kommen mit. Der Kreislauf wird unterbrochen.

Was passiert, wenn man etwas öffentlich macht

Es gibt noch etwas, das ich nicht verschweigen möchte: Sobald solche Situationen öffentlich werden – in sozialen Medien, in der Presse, in Gruppen – reagieren Bauern oft mit Rückzug. Ein Bauer hat das Füttern der Jungtiere eingestellt, als er merkte, dass sein Name bekannt werden könnte. Nicht aus Bosheit, sondern aus Angst. Denn wenn man so etwas öffentlich schreibt, wird fast automatisch die Polizei oder das Amt eingeschaltet.

Aber mit Ruhe, mit Gesprächen und einem guten Essen ist man dort jederzeit willkommen. Man kastriert vor Ort, nimmt Jungtiere mit – und tut wieder so ein kleines Stückchen Gutes. Ohne Aufruhr. Ohne Strafe. Einfach, weil man miteinander geredet hat.

Was ich mir wünsche

Weniger Kontrolle im Nachhinein, mehr Unterstützung im Vorfeld. Wenn Tierärztinnen wie ich präventiv und unbürokratisch helfen dürften, ohne selbst ins Visier der eigenen Berufsordnung zu geraten, ließen sich viele dieser Fälle lösen, bevor sie zu einem Fall fürs Amt werden. Davon hätten am Ende alle etwas – vor allem die Tiere.

– Corinna Mick, Tierarztpraxis Juliusburg

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